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Journalismus gucken, eine kleine Anleitung by 124c41
11. September 2014, 13:39
Filed under: Satire, Sex, Unsinn | Schlagwörter: ,

Wenn man etwas wissen will, darf man sich nicht schämen, sondern geht ins Internet. Da findet man den vernünftigsten Journalismus, den es je gab. Er kostet nichts, und man kann ihn auf dem eigenen Bildschirm sehen. Man gibt etwas mit der Partikel „news“ in die Adresszeile ein und wird nicht gefragt, ob man auch Verstand hat. Es gibt keine Knöpfe für „Ja“ und „Nein“. Das ist einfach. Journalismus ist jetzt für jeden zugänglich.

Zuerst kommt man an eine Oberfläche, die wie eine unsortierte Briefmarkensammlung aus Werbeeinblendungen aufgebaut ist. Ein Gewimmel von unerwünschter Information. Keine Seite wirbt mit der Warnung: Achtung, Sie könnten hier jemanden entdecken, den sie kennen! Von Amateuren erstellte und somit kostenlose Videos und Fotos sind nämlich eine der beliebtesten Einrichtungen des Internets. Das gilt für Katzenfilme genau so wie für Schnappschüsse von Nanoprominenten und anschauliche Abrisse der europäischen Geschichte. Man sieht also häufig ausgesprochen belangloses Zeug unter dem seriös anmutenden Titel einer Zeitung. Bei der Entscheidung, welche Information man anklickt, helfen Bilder und Schlagwörter. Wie man auf diesen Sturm der expliziten Volksverdummung reagiert, kann man leider nicht nach Geschmack oder politischen Erwägungen entscheiden, es geht reflexhaft vor sich, wie sonst nur beim Anblick blutiger Verletzungen. Die Figuren in den journalistischen Darstellungen sehen verhältnismäßig unerschrocken aus und sind mehr als nur ein bisschen fad, was den Verdacht erweckt, dass sie professionelle Lügner sind, die nur eine Fassade vor der Macht- und Gewaltausübung darstellen. Glaubwürdigkeit spielt für die Wirkung des Journalismus aber keine Rolle, sondern „Echtheit“. Voyeurismus ist das stärkste Motiv.

Früher war es journalistischer Standard, den Lesern Gründe vorzugeben, warum eine bestimmte Politik stattfindet, indem einer gespielten Rahmenhandlung der Akteure Raum in der Berichterstattung gegeben wurde. Dazu hatten die Akteure meist kein Talent. Es war lächerlich und geht im Internet-Journalismus schon deshalb nicht, weil er kurz und schnell sein muss. Ihm werden oft nur vier bis zwanzig Minuten Betrachtungszeit gewidmet. Ideal für die Aufmerksamkeitsspanne, die man bei der Internetnutzung aufbringt. Das muss reichen, um scheinbar alle Kombinationen politischer Handlungsmöglichkeiten durchzugehen und mit dem money shot der alternativlosen politischen Entscheidung zu enden, gleich ob Krieg im Ausland oder Verarmung daheim. So wird die Konzentration effektiv ausgerichtet. Der Journalismus ist der ideale Content für das Internet, und erst im Internet findet der Journalismus ganz zu sich selbst. Denn er ist zur rhetorischen Pimmelkauerei gemacht, und es passiert jetzt inhaltlich nichts mehr, was davon ablenken würde. Außerdem bringt das Internet den Journalismus dahin, wo sonst selbstständiges Denken stattfinden sollte: nach Hause und dank „social media“ direkt in die menschliche Kommunikation hinein.

[…] Auf der Grundlage des Artikels, den man zuletzt geöffnet hat, bekommt man weitere Empfehlungen. Die Redundanz und die scheinbar unendliche Menge sind hypnotisierend. Man klickt und sieht sehr viele „wichtige“ Figuren aus der Welt der Herrschenden und Besitzenden. Man sieht nicht mehr, dass man selbst noch etwas tun könnte, um die gesellschaftlichen Umstände seines Lebens zu ändern. Ein so breites Unwissen über die Möglichkeiten des Menschen könnte man mithilfe der althergebrachten Verdummungsmethoden nur schwer erlangen. Aber hier darf man die Politdarsteller so sehen, wie sie es in Pressefotos und „autorisierten Interviews“ gern haben, und das bleibt stets unantastbar und gottgleich fern, so dass man langsam abstumpft. Es sei denn, dass man sich für eine eigene politische Karriere entscheidet, dass man sein Gewissen und alle guten Absichten fortwirft, um sich als einer der vielen Asozialen zu fühlen, die nach Herrschaft über andere Menschen streben. Dabei passiert etwas Abstraktes. Journalismus erinnert plötzlich daran, dass man seinen politisch werdenden Nutzkörper mit großer Disziplin führen muss, damit er für die journalistische Aufbereitung taugt.

Es mag eine bizarre Assoziation sein, dass unsere Verdauung und unser Journalismus aus dem selben Körper hervorquellen, dessen Bedürfnisse wir von Experten überwachen und beurteilen lassen. In der professionellen Ratgeberliteratur für Journalisten wird zum Bespiel dringend zur regelmäßigen rhetorischen Pimmelkauerei angehalten, dem Zweck des Journalismus. Der Erguss eines menschenverachtenden Redeschwalls führt zu einem Volk, das folgt, und ein Journalismus, an dem nur billig eingekaufte, sich für wichtig haltende Schreibtischtäter beteiligt sind, wird als nützliche Scheindemokratie aufgefasst, solange sie dazu beitragen.

Peinlich nur, dass ein Motiv aus dem Journalismus nicht zu tilgen ist: Das der Unfreiwilligkeit. Die Überrumpelung und Erpressung, die psycho-physische Grobheit, mit der politisch zu Werk gegangen wird, spotten der scheinbaren Objektivität der Journalisten. Das Wahrnehmen dieses Widerspruchs zeugt vom letzten Rest der unpolitischen Neigung des Freiheitswillens, sich grobe Manipulation und journalistische Lüge als etwas Seltenes, Unwahrscheinliches zu wünschen.

Oder so ähnlich… [Dauerhaft archivierte Version des umgedichteten Artikels auf Zeit Online]

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